
Zwischen Stoppuhr und Spielfeld:
Als wir Naqib Salim und Artem Kulyk zum Gespräch auf dem Rugbyplatz des Karlsruher SV treffen, sind beide bereits mitten in ihrer neuen Aufgabe. Naqib trägt die Stoppuhr um den Hals, beobachtet aufmerksam das Geschehen auf dem Platz und gibt kurze Hinweise. Ein paar Meter weiter baut Artem gerade eine Übung auf. Mit seiner breiten, sportlichen Statur ist ihm anzusehen, dass er selbst viele Jahre auf hohem Niveau gespielt hat.
Mit dem neuen Trainerduo beginnt für die KSV-Herren ein neues Kapitel. Naqib Salim übernimmt nach Jahren als Spieler und Kapitän mehr Verantwortung an der Seitenlinie, Artem Kulyk bringt Erfahrungen aus unterschiedlichen Rugby- und Leistungssportumfeldern ein.
Was beide verbindet, wird im Gespräch schnell deutlich: Sie haben eine klare Vorstellung davon, wie sich die Mannschaft entwickeln soll – sportlich und als Team.
Vom Kapitän zum Trainer
Für Naqib Salim ist vieles vertraut. Er kennt die Abläufe, die Spieler und die Dynamik innerhalb der Mannschaft. Trotzdem hat sich sein Blick auf das Training verändert.
„Als Kapitän hatte ich vor allem die Rolle, das Team auf dem Platz mitzuziehen, Entscheidungen zu treffen und als Vorbild voranzugehen“, sagt Salim. „Als Trainer verschiebt sich die Verantwortung. Nicht mehr die eigene Leistung, sondern die Entwicklung des gesamten Teams steht im Mittelpunkt.“
Trainingsplanung, Spielidee, individuelle Rollen und langfristige Entwicklung gehören nun zu seinen Aufgaben. Dabei will Naqib nicht jede Lösung vorgeben.
„Als Spieler kann man in einer Situation unmittelbar reagieren. Als Trainer muss man teilweise einen Schritt zurücktreten, beobachten und die richtigen Werkzeuge entwickeln. Ich möchte eher Anreize geben, damit die Spieler selbst auf Lösungen kommen.“
Sein Anspruch ist dabei derselbe geblieben: Verantwortung übernehmen und die Mannschaft besser machen.
Auch seine Spielidee ist stark vom Gedanken des Teams geprägt.
„Jeder kann für sich ein guter Rugbyspieler sein, aber Rugby wird mit 15 Spielern auf dem Feld gespielt“, sagt Naqib. „Jeder hat seine eigenen Stärken und seine eigene Rolle. Entscheidend ist, dass wir diese Rollen verstehen, ausfüllen und uns gegenseitig ergänzen.“
Dazu kommen für ihn Werte, die über das Spiel hinausreichen: Commitment und Disziplin.
„Dinge nicht nur dann zu machen, wenn man gerade Lust darauf hat, sondern sich an die eigenen Ansprüche zu halten“, beschreibt er diesen Gedanken.
Ein weiter Weg bis Karlsruhe
Artem Kulyks Rugbyweg begann in Kiew. Bereits mit 15 Jahren wurde er erstmals in die ukrainische U17-Auswahl berufen. Es folgten weitere Jugendnationalmannschaften, mehrere Einsätze als Kapitän und schließlich der Sprung in die Herren-Nationalmannschaft sowie in die ukrainische Sevens-Auswahl.
Auch auf Vereinsebene sammelte er Erfahrungen in verschiedenen Wettbewerben und Ländern. Nach mehreren Stationen in der Ukraine spielte er später in Polen und auf Zypern. Besonders die Zeit in Polen hat seinen Blick auf das Spiel geprägt.
„In der Ukraine wurde die Meisterschaft damals von wenigen Spitzenclubs geprägt. In Polen war die Liga wesentlich ausgeglichener“, sagt Artem. „Mehrere Mannschaften bewegten sich auf einem ähnlichen Niveau und konnten einander schlagen. Dadurch musste man sich jede Woche intensiv auf einen neuen Gegner einstellen.“
Später arbeitete er zudem im professionellen Fußball, unter anderem bei Shakhtar Donezk und Pafos FC. Die Arbeit in leistungsorientierten Strukturen eröffnete ihm zusätzliche Perspektiven auf Trainingssteuerung, Athletik und Spielerentwicklung.
Beim KSV möchte Artem vor allem drei Dinge einbringen: Intensität, Disziplin und Anpassungsfähigkeit.
„Wir sollen Situationen schnell erkennen, eigenständig gute Entscheidungen treffen und eine Spielweise entwickeln, die optimal zu den Stärken unserer Mannschaft passt.“
Sein erster Eindruck vom Team ist dabei positiv.
„Mich haben vor allem die Offenheit der Spieler und ihre Bereitschaft überrascht, neue Inhalte direkt aufzunehmen und auszuprobieren. Innerhalb der Mannschaft spürt man einen guten Zusammenhalt, viel Energie und den Willen, gemeinsam besser zu werden.“
Das größte Entwicklungspotenzial sieht er im Zusammenspiel, in der Kommunikation und in der Entscheidungsfindung unter Druck.
Klare Rollen im Trainerteam
Auf dem Trainingsplatz ist die Aufgabenverteilung bereits deutlich zu erkennen. Naqib konzentriert sich vor allem auf die Forwards, die Arbeit in Gruppen und die Grundstruktur des Spiels. Artem legt seinen Schwerpunkt auf die Hintermannschaft, Kommunikation und das Erkennen freier Räume.
Für Naqib ist seine lange gemeinsame Zeit mit vielen Spielern dabei ein Vorteil. Er kennt ihre Stärken, weiß, wie sie auf Feedback reagieren und wo individuelle Entwicklung möglich ist.
„Ich kenne die Jungs nicht nur sportlich, sondern weiß auch, wie sie ticken“, sagt er. „Dadurch kann ich gezielt auf einzelne Spieler eingehen und Feedback geben.“
Diese Nähe verändert sich mit der neuen Rolle allerdings. Entscheidungen über Positionen, Rollen und später möglicherweise Einsatzzeiten müssen künftig konsequent sportlich getroffen werden.
Auch Artem sieht gerade in der Arbeitsteilung eine Stärke des neuen Trainerteams.
„Naqib konzentriert sich vor allem auf die Forwards, die Arbeit in Gruppen und die Grundstruktur unseres Spiels. Mein Schwerpunkt liegt auf der Hintermannschaft, der Kommunikation, dem Erkennen freier Räume und den Fähigkeiten, mit denen wir dort Vorteile schaffen können.“
Während des Trainings zeigt sich diese Aufteilung ganz selbstverständlich. Beide bewegen sich zwischen den Gruppen, greifen unterschiedliche Themen auf und stimmen sich immer wieder kurz ab.
Für Naqib funktioniert die Zusammenarbeit in den ersten Wochen gut.
„Artem ist eine gute Ergänzung zum Team. Er ist athletisch sehr gut ausgebildet und kann sein Wissen und seine persönlichen Erfahrungen gut an die Mannschaft vermitteln.“
Am Ende soll daraus keine Sammlung einzelner Trainingsschwerpunkte entstehen, sondern eine gemeinsame Spielidee.
Zwischen Seitenlinie und Spielfeld
Für Naqib könnte die neue Aufgabe perspektivisch noch eine weitere Dimension bekommen. Aktuell verhindert seine Verletzung eine Rückkehr aufs Feld. Später ist jedoch auch eine Rolle als Spielertrainer denkbar.
Darin sieht er durchaus Vorteile.
„Ich kann auf dem Feld selbst zeigen, was ich im Training vermitteln möchte. Gleichzeitig bekomme ich selbst mit, wie sich unsere Spielidee tatsächlich anfühlt.“
Die größte Herausforderung sieht er darin, die Rollen sauber voneinander zu trennen.
„Ich glaube, die größte Herausforderung wird sein, zwischen den beiden Rollen im Kopf umzuschalten und faire Entscheidungen zu treffen.“
Gerade bei Fragen nach Positionen, Einsatzzeiten oder der eigenen Leistung wird diese Doppelrolle anspruchsvoll. Gleichzeitig könnte sie Naqib ermöglichen, die eigene Spielidee aus unmittelbarer Nähe zu erleben und auf dem Feld mitzugestalten.
Schritt für Schritt
Auf dem Rugbyplatz ist an diesem Abend vieles noch Aufbauarbeit. Übungen werden erklärt, ausprobiert, korrigiert und wiederholt. Es geht noch nicht darum, dass jedes Detail perfekt funktioniert.
Die Richtung ist trotzdem erkennbar.
Naqib und Artem wollen eine Mannschaft entwickeln, die ihre Rollen kennt, gemeinsam Entscheidungen trifft und auch unter Druck handlungsfähig bleibt. Individuelle Qualität soll nicht verschwinden, sondern sich besser in das Ganze einfügen.
Was die Spieler von ihrem Trainerduo erwarten dürfen, bringt Artem auf eine einfache Formel:
„Klare Ziele, strukturierte Trainingseinheiten, ehrliches Feedback und gegenseitigen Respekt – verbunden mit dem gemeinsamen Anspruch, uns Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.“
Dann geht es zurück ins Training. Die Stoppuhr läuft wieder, die nächste Übung steht bereit. Und für das neue Trainerduo beginnt die eigentliche Arbeit dort, wo auch dieses Gespräch stattgefunden hat: auf dem Rugbyplatz.
Autor: Karina
11.09.2026
| Rugby | Herren |

