Tobis kleiner Regelblog – Ruck und Clean Out

Tobis kleiner Regelblog – Ruck und Clean Out

Kaum erstellt, der Blog, und schon werden die großen Kanonen ausgepackt.

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Der Clear-Out beim Ruck – mit oder ohne Arme?

Der Ruck ist eine Situation in der der Ball am Boden ist und mindestens ein Spieler jeder Mannschaft in unmittelbarer Umgebung des Balls mit ihren Füßen um den Ballbesitz kämpfen. Mindestens ein Spieler jeder Mannschaft muss den stehenden Gegner berühren. Es ist nicht gestattet sich am Spieler, der am Boden liegt ab zu stützen oder festzuhalten. Für Spieler die sich dem „offenen Gedränge“ anschließen wollen gelten folgende Regeln:

1. Der Kopf darf nicht tiefer als die Hüften sein

2. Ein Spieler der in einen Ruck reingeht muss sich mit dem kompletten Arm an einem Spieler, Gegner oder Teamkollegen, binden. Die Bindung muss dem Kontakt mit anderen Körperteilen voraus gehen, oder gleichzeitig erfolgen. Das Auflegen einer Hand gilt nicht als Bindung.

3. Alle Spieler die irgendwie an einem Ruck beteiligt sind, müssen auf den Füßen sein.

Ein Clean Out soll im Nachfolgenden das Ausräumen eines Spielers aus dem Ruck bezeichnen. Dabei geht ein Spieler parallel zur Außenlinie über den am Boden liegenden Ball/Ballträger und drängt dabei einen gegnerischen am Ruck beteiligten Spieler über den Ruck zurück, bis beide nicht mehr Teil des Rucks sind.

Beachtet man Punkt 1 – 3 ist sofort klar, Rucken ist ein anständiger nicht der Gesundheit abträglicher Teil des Rugbysports. Es ist nicht erlaubt nur Kontakt mit der Schulter zu machen. Soweit die Theorie, nun zur Praxis: Jeder der sich in den letzten fünf bis zehn Jahren auch nur irgendein professionelles Spiel angeguckt hat, wird wissen dass diese Regeln komplett ignoriert werden.

Hier mal ein gutes Beispiel. Bakkies Botha räumt Adam Jones aus dem offenen Gedränge raus und kugelt ihm dabei die Schulter aus. Als Belohnung wurde er für zwei Wochen gesperrt und durfte nicht am dritten und letzten Test zwischen den British and Irish Lions und den Springboks teilnehmen. Es wird Botha nicht geholfen haben, dass er sich in gefühlt jedem Spiel eine Strafe einhandelt und meist auch zu Recht. Es ist für mich aber schwer zu erkennen, wo er sich abseits der Norm bewegt hat. Ohne Frage hat er sich außerhalb der nieder geschriebenen Regeln bewegt, diese finden aber ohnehin keine Anwendung.

Zur Verdeutlichung der Sachlage hier zwei Rucks aus dem Australien gegen Argentinien Spiel vom 4.Oktober 2014. Im ersten von den zwei Bildern kann man wunderschön sehen, dass die Köpfe tiefer stehen als die Hüften, wenn der Ruck begonnen wird. Beim Verteidiger mag das noch toleriert werden, da er zum Ball gehen will und sich dafür zwangsläufig bücken muss. Der Angreifer, der das Ruck sichern möchte, missachtet die Regeln so wie sie nieder geschrieben wurden.

Im nächsten Bild sieht man schön , dass kaum einer der an diesem Ruck beteiligten Spieler noch steht.

Kommen wir nun nach einigem Geplänkel zur Beantwortung der eigentlichen Frage:

Im Laufe der Zeit habe ich einige Spiele gesehen, live und übertragen, und bei den professionellen Spielen und höher klassigen Spielen in Deutschland fällt immer wieder auf, dass ein Clean Out mit der Schulter geduldet wird. Es ist schwierig hierfür ein gutes Beispiel zu finden, da man einen einzelnen Moment eines hochauflösenden Videos finden müsste, dass nicht unter den Kopierschutz fällt. Um Beispiele zu sehen, kann man sich aber jedes beliebige internationale Rugbyspiel ansehen.

Die Situation in der man sich völlig wahllos in den Gegner wirft, der versucht den Ball zu klauen, ist üblicherweise die folgende: Ein flinker Spieler, z.B. die 9 oder ein Flanker, hat den Durchbruch geschafft und ist seiner Verstärkung einige Meter voraus. Er wird getackelt und der Gegner geht an den Ball. Der Unterstützer, gerne Lock oder Prop, kommt nun am Ruck an und versucht den Ballverlust zu verhindern in dem er sich aus vollem Lauf mit der Schulter voran in den Gegner wirft. So lange er nicht auf dem Ball landet, wird dieses Verhalten geduldet.

Ich persönlich sehe die Entwicklungen in und um den Ruck kritisch. Es ist auf der einen Seite so, dass ein moderner Rugbyprofi innerhalb kürzester Zeit an den Ball geht nach einem Tackle. Müsste man sich an alle Regeln halten, so wie sie im Regelbuch nachlesbar sind, würde der Ball ständig die Seiten wechseln, denn der Ballbesitz für mehr als drei Phasen wäre nicht möglich. Einen solchen Sport kann man sich kaum angucken. Auf der anderen Seite leben die Profis eine Art und Weise vor, wie sie dem Amateursport kaum zumutbar ist. Um die Wucht eines 95 kg Amateurs, der sich mit 8 m/s auf einen Spieler wirft, dessen Rücken frei liegt, weil er legal nach dem Ball greift, aushalten zu können muss man schon über eine gute Rückenmuskulatur verfügen. (Impuls I = 95* 8 = 760  kg*m/s übertragen durch die relativ kleine Fläche der Schulter) Dazu wird die Bewegung unkontrolliert, weil man bei einem Clean Out mit der Schulter zwangsläufig den sicheren Stand aufgeben muss. Zusätzlich fallen immer mehr Körper in immer abstruseren Bewegungen über den Ruck. Ich persönlich halte es weder für sinnvoll noch konsequent den Kontakt mit der Schulter und ohne Umfassen beim Tackling zu verbieten, aber beim Rucken zu gestatten. Was man hier ändern könnte ohne den Ruck ab zu schaffen, übersteigt meine Kompetenzen.

Es bleibt jedoch zu bedenken, dass Rugby Union ohne Ruck im Endeffekt Rugby League ist. Der Ruck ist ein wichtiger Teil des Spiels, immerhin definiert er den Charakter des Spiels in erheblichem Maße: Wenn deine Mannschaft dich nicht unterstützt, verlierst du den Ball.

Begrüßen würde ich es, wenn man sich der Regeln einmal annimmt. Es kann nicht sein, dass niedergeschriebene Regeln aus dem offiziellen Regelbuch keine Anwendung mehr finden, aber trotzdem bestehen bleiben. Meiner Meinung nach ist diese ungeklärte Regellage und die daraus resultierende Art zu rucken eine Gefährdung für die Gesundheit der Spieler. Die Experten beim Weltverband World Rugby sollten sich einmal zusammen setzen und eine Reform erarbeiten. Dem Gedränge hat es ja auch gut getan.

Wie bei allen Dingen im Rugby, kommt es bei der Auslegung immer darauf an, wie gut der Schiedsrichter die Regeln kennt, wie er sie auslegt und ob er die Situation sieht. Würde ich es pfeifen? Wahrscheinlich nicht. So lange niemand auf dem Ruck oder Ball zum Erliegen kommt und der Clean Out nicht völlig ohne Maß und mit erkennbarem bösen Willen geschehen ist, orientiere ich mich an dem was die Profi-Schiedsrichter vorgeben. Es gilt beim Rugby ja auch, dass gute Form erstrebenswert ist, aber der Effektivität doch eine hohe Bedeutung zukommt.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass es im Rugby derzeit nun einmal so ist, also muss man sich darauf einstellen und diese Praktiken für sich und seine Mannschaft nutzen. Abseits von Kneipen, Pubs, Regelkomissionen und Blogs zum Thema lohnt es sich nicht, sich darüber zu beschweren. Wenn auf dem Platz einmal mehr große Aufregung wegen angeblichen Fehlverhalten entsteht, so muss man sich daran erinnern, dass der Adrenalinspiegel hoch ist, manche Schiedsrichter sich durch Geschrei beeinflussen lassen und der Impuls solche Verstöße mit der Faust zu klären in vielen von uns verankert ist. Soll heißen, nicht immer alles so ernst nehmen, was einem der Gegner so erzählt und was er für unfair hält. Es zählt die Deutungshoheit und  Regelgewalt des Schiedsrichters.

Um meiner Pflicht gegenüber den antiken Griechen nach zu kommen, hier noch mal ein paar Worte zum Ruck im olympischen 7er: Genau wie beim 15er schert man sich auch hier wenig um die oben genannten Punkte. Man sieht den Clean Out mit der Schulter selten, was daran liegt, dass Rucks im 7er vermieden werden. Entsteht doch mal einer, sind so wenige Personen beteiligt, dass man ihn kaum trifft und dabei legal durch das Gate kommt. Außerdem ist jeder Spieler der mit Rucken beschäftigt ist, ein für die Verteidigung verlorener Spieler und im 7er gewinnt der, der besser verteidigt (zumindest bei den „Profis“). Auch das eigentlich nicht gestattete Festhalten am Spieler am Boden ist im 7er durchaus üblich. Ähnlich ist es mit dem völlig normalen „bridging“, über dem Ball auf allen Vieren abstützen und den Ball abschirmen. Hier ist der Kopf zwangsläufig tiefer als die Hüfte, was wie bereits erwähnt illegal ist.

All dies wird im 7er geduldet, gerade weil der Sport hier mit hohem Tempo gespielt werden soll. Ständige Unterbrechungen wegen solchen „Kleinigkeiten“ wie den Regeln, werden vom Schiedsrichter nicht angestrebt.

Mit ovalen Grüßen

Tobi

By | 2014-11-26T10:59:29+00:00 20. November 2014|Regelblog, Rugby|